Meine erste Begegnung mit Wölfen in freier Wildbahn hatte ich vor über zwanzig Jahren inmitten der Laub- und Nadelwälder im Vorgebirge des Himalaya. Ich verbrachte damals nach meinem Studium fast ein ganzes Jahr in dieser wunderbaren Grenzregion zu Tibet, fernab von der lauten Zivilisation und den geschäftigen Großstädten. Von meinem „Häuschen“ aus überblickte ich das spektakuläre Panorama der Berge Trisul, Nanda Devi, Panchchuli; eine kaum bekannte Region westlich von Nepal, die vom Glück profitiert, dass die höchsten Berge hier knapp unter 8000 Meter liegen. Andernfalls wäre diese Gegend, wie die anderen um den Mount Everest oder dem hohen Annapurna, zum Trampelpfad westlicher Touristen und gut zahlender Bergsteiger verkommen. Die Welt hier war für mich genau richtig, besiedelt von bescheidenen bunten Bauernhöfen, deren Bewohner auf den angelegten Terrassen Reis und Getreide anbauten. An diesem Ort konnte ich loslassen und während zahlreicher Wanderungen und Trekkingtouren das Umfeld erkunden.
Die hochgelegenen Wälder waren von einer bestechenden Schönheit. Naturwälder ohne geradlinige Aufforstflächen, die nur selten von Menschen durchquert wurden. Im Frühjahr erblühten hier unzählige Rhododendren, deren rote Blüten sich mit steigender Höhe sogar in ein zartes Rosa und ein helles Blau verwandelten. Die Erfahrung, in eine wenig berührte Natur einzutreten, erzeugt das Gefühl von Demut.
Auch die Tierwelt bestach durch eine fast künstlich wirkende Vielfalt. Manchmal bekam ich es sogar mit der Angst zu tun, wenn sich zum Beispiel große Clans kreischender Languren lauthals über jeden Eindringling beschwerten und einem dabei ihr respektables Gebiss zeigten. Man hatte mich vor Bären gewarnt, doch zum Glück blieb mir eine direkte Bekanntschaft erspart.
Eines Nachmittags begegnete ich dann während einer meiner langen Wanderungen einem Rudel Wölfe. Doch im Gegensatz zum Märchenmonster waren diese Vierbeiner ausgesprochen scheu. Die Wölfe nahmen zwar Notiz von mir, und mit dem entsprechenden Abstand akzeptierten sie sogar meine Anwesenheit, jedoch ohne zu flüchten. Bis zur Abenddämmerung blieb ich bei ihnen und konnte genau beobachten, wie das Rudel spielte, sich ständig gegenseitig bestätigte und in festen Ritualen die Rangordnung der Gruppe zelebrierte. In den folgenden Wochen kehrte ich häufig zurück und lernte mit der Zeit, einzelne Tiere zu unterscheiden. Den Leitwolf nannte ich zum Beispiel „Akela“, nach dem Wolf im Dschungelbuch von Rudyard Kipling. Auf Hindi bedeutet „Akela“ auch der Einsame...
Trotz unserer mehrmaligen Begegnung gelang es mir jedoch nicht, mich den Wölfen auf mehr als etwa dreißig Meter zu nähern. Wenn ich es probierte und eine kritische Distanz unterschritt, flüchteten sie sofort bis unser Abstand wieder „stimmte“. Ich war geduldet, doch es blieb eine Fernbeziehung.
In den Abendstunden hörte ich öfters das „Konzert“ der Wölfe. Es begann stets mit einem einzelnen Tier, das zu heulen begann, worauf immer mehr Wölfe in das Heulkonzert einstimmten. Die Melodie wurde dabei stets aufgeregter, bis sie dann plötzlich verstummte. Es gibt eine Reihe möglicher Erklärungen für dieses Phänomen, aber so genau weiß niemand, was das Heulen der Wölfe bedeutet. Für mich war der „Wolfsgesang“ der Ausdruck eines „Wir-Gefühls“. Es gelang mir sogar mehrfach!! selbst die Wölfe zum Heulen anzuregen. Das Gefühl, auf diese Weise ein ganzes Tal mit dem Gesang der Vierbeiner zu füllen, war erhaben.
Es sollte über zwanzig Jahre dauern, bis ich im Rahmen von Dreharbeiten zur „Show der Naturwunder“ erneut den Gesang der Wölfe anstimmen konnte: In Gödöllő ,etwa dreißig Kilometer außerhalb von Budapest (Ungarn), unterhält der ungarische Tiertrainer Zoltán Horkai ein größeres Areal mit diversen Wildtieren, darunter auch Wölfen. Einige davon hat er trainiert und setzt sie sogar in Spielfilmen ein. Andere Exemplare leben, dank der Unterstützung der World Society for the Protection of Animals und der Ethnologen der Loránd-Eötvös-Universität, ohne Filmrollen auf dem großen Grundstück.
Als „Alphawolf“ hatte Zoltan das Rudel geprägt und gab mir somit die Chance zum direkten Kontakt.
Als ich das Areal betrat, reagierten die Tiere zunächst scheu, doch Dank Zoltan akzeptierte mich das Rudel. Die Begrüßung war heftig, direkt und geradezu euphorisch. Ich wurde geschleckt und intensiv beschnüffelt und vergaß fast, dass es sich um Raubtiere handelt. Wölfe sind keine Hunde. Sie haben sich ihre Natürlichkeit bewahrt mit ihren Regeln, Gesetzen und Ritualen. Nach über zwanzig Jahren stimmte ich das Rudel zum Heulgesang an und es klappte tatsächlich! Für mich war dieser Moment einer der bewegendsten in meiner Fernsehkarriere. Danach versteht man schnell, wieso Wolf und Mensch vor über 30000 Jahren zueinander fanden.
Sich für mehr Verständnis gegenüber Wölfen einzusetzen, ist mir ein besonderes Anliegen.
Jahrhunderte lang diente er als Projektionsfläche für das Böse. Der Werwolf geistert als Inkarnation des Teufels durch die Nächte. In Märchen und Fabeln wird er immer wieder als blutrünstiger Killer beschrieben, der Großmütter verschlingt oder Kreide frisst, um anschließend unschuldige Geißlein zu fressen. Schon als Kinder wurden wir mit der „Angst vor dem bösen Wolf“ erzogen und bedauerlicherweise ergaben sich kaum Gelegenheiten, dieses hartnäckige Vorurteil zu revidieren. Der Wolf wurde in Westeuropa systematisch ausgelöscht. Nur das Klischee bleibt bestehen.
Unsere so aufgeklärte Welt ist ein großes Theater und die Rollen werden dabei fest besetzt: Die Schöne, der Gute, der Böse, der Unschuldige, das Genie, der Reiche, der Dummkopf und der Clown.
Talkshows, die große Weltpolitik oder die Tierwelt. Im Drama des Lebens besetzen wir ständig die vorgegebenen Rollen, doch bei genauer Betrachtung erkennen wir, wie oberflächlich und unfair die zugewiesenen Merkmale sind.
Doch wir sind frei und können unsere Vorurteile revidieren:
Es ist an der Zeit, dem Wolf eine bessere Rolle zuzuweisen.